Gutachtenstil. Ohne Mystik.
Der Gutachtenstil ist keine Stilfrage, sondern die Art, wie Juristen denken sichtbar machen. Wer ihn beherrscht, bekommt für dasselbe Wissen mehr Punkte, weil der Korrektor jeden Schritt nachvollziehen kann.
Die vier Schritte
- Obersatz im Konjunktiv: "K könnte gegen V einen Anspruch auf Zahlung aus § 433 Abs. 2 BGB haben."
- Definition des Merkmals, das zu prüfen ist: "Dazu müsste ein Kaufvertrag zustande gekommen sein. Ein Kaufvertrag kommt durch zwei übereinstimmende Willenserklärungen zustande, Angebot und Annahme."
- Subsumtion: der Sachverhalt unter die Definition. "K hat V angeboten, das Fahrrad für 200 Euro zu kaufen. V hat dieses Angebot angenommen, indem er zustimmte. Fraglich ist, ob die Annahme rechtzeitig erfolgte, weil ..."
- Ergebnis im Indikativ: "Ein Kaufvertrag ist zustande gekommen."
Ein Beispiel, das die Schwerpunktsetzung zeigt
Unproblematisch, Urteilsstil: "K und V haben sich über Kaufsache und Preis geeinigt, ein Kaufvertrag liegt vor."
Problematisch, Gutachtenstil: "Der Vertrag könnte gemäß § 142 Abs. 1 BGB nichtig sein, wenn K wirksam angefochten hat. Die Anfechtung müsste unverzüglich im Sinne des § 121 Abs. 1 BGB erklärt worden sein. Unverzüglich bedeutet ohne schuldhaftes Zögern. K hat erst nach drei Wochen angefochten, obwohl er den Irrtum am ersten Tag bemerkte. Ob eine Frist von drei Wochen noch unverzüglich ist, wird unterschiedlich beurteilt. Nach einer Ansicht ... Nach der Gegenansicht ... Vorzugswürdig ist ..., weil ... Die Anfechtung ist damit verspätet. Der Vertrag ist nicht nichtig."
Die drei häufigsten Fehler
- Subsumtion fehlt. Definition, dann Ergebnis. Der Korrektor sieht eine Behauptung und vergibt keine Punkte.
- Alles im Gutachtenstil. Zehn Zeilen darüber, dass ein Vertrag geschlossen wurde, den niemand bestreitet. Kostet Zeit und signalisiert: Die Person weiß nicht, wo das Problem liegt.
- Obersatz ohne Norm. "K könnte einen Anspruch haben." Woraus? Ohne Anspruchsgrundlage ist der Obersatz leer.
Woran du merkst, dass du es kannst
Wenn der Korrektor bei deinen unproblematischen Stellen nichts anmerkt und bei den problematischen "gut erkannt" schreibt. Das heißt: Du hast die Länge deiner Prüfung an die Schwierigkeit angepasst. Das ist Gutachtenstil in Reinform, und es ist derselbe Mechanismus wie Schwerpunktsetzung.
Häufige Fragen
Wann darf ich Urteilsstil verwenden?
Bei allem, was unproblematisch ist. Wenn ein Merkmal offensichtlich vorliegt, reicht ein Satz im Urteilsstil: 'K und V haben einen Kaufvertrag geschlossen.' Gutachtenstil ist für die Stellen, an denen etwas zu prüfen ist. Wer alles im Gutachtenstil schreibt, verschenkt Zeit und wirkt unsicher.
Was ist der häufigste Fehler im Gutachtenstil?
Die fehlende Subsumtion. Obersatz und Definition stehen, dann kommt sofort das Ergebnis. Der Schritt, in dem der Sachverhalt unter die Definition gelegt wird, fehlt. Das ist der Teil, für den es Punkte gibt.
Muss der Obersatz im Konjunktiv stehen?
Ja, das ist das Kennzeichen: 'K könnte gegen V einen Anspruch aus § 433 Abs. 1 BGB haben.' Der Konjunktiv zeigt, dass du prüfst, nicht behauptest. Das Ergebnis steht dann im Indikativ.
Wie lang darf eine Subsumtion sein?
So lang wie das Problem. Bei einem unproblematischen Merkmal ein Satz. Beim klausurentscheidenden Problem eine halbe Seite mit beiden Ansichten. Die Länge der Subsumtion ist dein wichtigstes Werkzeug für Schwerpunktsetzung.
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